Geschichte der Postbaugenossenschaft, Kaiserreich

100 Jahre Baugenossenschaft des Post- und Telegrafenpersonals
in München und Oberbayern


Gründung und Aufbau im Kaiserreich

Im großen, mondänen Saal des Münchner Restaurants "Kollergarten", damals an der Schwanthalerstraße 18, treffen sich am 6. September 1908, einem Sonntag, 121 "Postler". Ihr Lohn reicht kaum für die Miete einer schäbigen Kleinstwohnung. Die Lage ist mitunter so drückend, dass bis zu zwei Familien in einem Raum hausen müssen - unter dem Dach, im Keller, und in dunklen, feuchten Hinterhäusern.

Das sind keine Ausnahmen. In der wilhelminischen Ära herrscht im öffentlichen Wohnungswesen in ganz Deutschland permanenter Notstand. Seit 1847 gibt es erste gemeinnützige Baugesellschaften, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts etablieren sich Baugenossenschaften. 1867 und 1889 werden zudem mit Genossenschaftsgesetzen Rechtsgrundlagen geschaffen, die den Status solcher Unternehmen festigen. Doch um etwas gegen ihre Misere zu tun, wollen die Postler die Dinge jetzt selber in die Hand nehmen.

Die meisten der Versammlungsteilnehmer wohnen im Viertel Neuhausen, in dem es mehrere Postämter gibt. Neuhausen war 1890 der Stadt München eingemeindet worden, 11.450 Einwohner zählte man damals in 717 Häusern. Beide Zahlen wuchsen schnell an - eine davon aber nicht schnell genug. Der gründerzeitliche Bauboom hatte Häuser und Schulen sowie die gesamte Infrastruktur mit Straßen, Brücken, Eisenbahnanlagen und den Anschluss an die zentrale Wasserversorgung gebracht. Das untere Postpersonal mit seinen Arbeitern und niederen Beamten hat davon kaum profitiert. Einstimmig wird jetzt im "Kollergarten" die Gründung einer Baugenossenschaft beschlossen und per Unterschrift besiegelt.