Interview mit Werner Hofgärtner

Interview mit Werner Hofgärtner, 63 Jahre, Postler aus dem Fernmeldedienst, ehemaliges Aufsichtsratsmitglied

Wohnen Sie hier in der Mustersiedlung?

Nein, drüben auf der anderen Seite der Arnulfstraße, in der Stupfstraße. Seit 37 Jahren wohne ich mit meiner Frau dort in einer Wohnung der Postbaugenossenschaft. Es hieß übrigens schon immer hüben und drüben, schon als wir Buben waren.

Ihre Familie wohnt hier in der zweiten Generation, sind Sie hier geboren?

Sie werden es sicher nicht glauben: Ich bin kein geborener Münchner, auch kein geborener Bayer. Ich bin in Sachsen-Anhalt geboren und im Alter von drei Jahren von meiner Mutter "nach Bayern verschleppt worden". Das heißt, wir sind geflüchtet. Mein Vater ist ein echter Bayer. Er hat nach der Gefangenschaft hier in München bei der Post eine Arbeit bekommen. Hier sah er seine Zukunft und "der Bua sollt' in eine g'scheite Schul' gehen". 1957 haben wir die Wohnung in der Scheringerstraße bekommen. Einmal sind wir umgezogen, vom vierten Stock in das Erdgeschoss. Da hatten wir dann ein Zimmer mehr, ein eigenes Zimmer für meinen Bruder und für mich. Das war damals absoluter Luxus, ein eigenes Zimmer mit dem Bruder! Meine Mutter, sie ist inzwischen über 90, wohnt immer noch dort. So bin ich ein echter Münchner - besser Neuhausener - geworden und geblieben.

Wie wohnte man früher hier?

Es war einfach, die Leute hatten damals wirklich kein Geld. Bei Post und Bahn ist nie viel gezahlt worden, aber man hatte einen sicheren Arbeitsplatz und sein sicheres Auskommen. Jeden 25sten ist das Geld bar in der Lohntüte ausgezahlt worden. Wenn am Ersten die Miete fällig war, sind die Leute hier in den ersten Stock und haben der Kassiererin hinter der Durchreiche den Mietzins gezahlt. Für uns Kinder war das interessant.

Was gehört zu Ihren schönsten Erinnerungen?

Die schönste Zeit war dann, wenn die Schule aus war. Wir haben uns im Hof getroffen, in der Sandkiste gespielt und Sandburgen gebaut. Die Mädchen haben Kästchenhüpfen gespielt. Ballspiele waren sehr beliebt, Fußball war zwar verboten, da könnte ja was passieren, aber... Wenn man das Glück hatte, ein altes Fahrrad oder einen Tretroller zu bekommen, das war das Höchste der Gefühle, jeder durfte mal fahren. Die ganze Freizeit hat sich im Hof abgespielt. Leider musste man irgendwann wieder hoch und Hausaufgaben machen.

Wie war das Zusammenleben mit den Nachbarn?

Damals hatte jeder ungefähr das Gleiche. Es gab wenig unterschiedliche Besitzverhältnisse. Wenn's hoch herging, besaß der eine oder andere ein Motorrad. Die kleinen Mopeds und Autos kamen damals auf. Dafür hatte man seine gesamten Ersparnisse zusammengekratzt. Heute lässt man sich nicht mehr in die Karten schauen. Viele verstecken sich, weil sie vielleicht befürchten, sie könnten nicht so viel haben wie die Anderen. Der Zusammenhalt ist nicht mehr so da, man geht seine eigenen Wege.

Das Leben damals war einfacher aber nicht in jeder Hinsicht besser als heute?

Früher war die Siedlung unabhängig. Es gab hier Bäcker, Metzger, Lebensmittel und Handwerker. Man musste ganz selten in die Stadt fahren. In den siebziger Jahren, als der erste Supermarkt kam, begann dann auch das Sterben der kleinen Läden. Die Ausstattungen der Wohnungen haben sich komplett verändert: Als ich mit meiner Frau 1970 in die Stupfstraße gezogen bin, war außer einer Toilettenschüssel gar nichts in der Wohnung. Früher waren die Wohnungen alle ohne Bäder. Die Baugenossenschaft hat Haus für Haus saniert, Bäder eingebaut, Fenster und Türen ausgewechselt, Fassaden isoliert und gestrichen.

Hat sich die Mieterstruktur verändert, und wie wirkt sich das aus? Was halten Sie von der Öffnung der Genossenschaft für "freie" Mieter?

Seit der Privatisierung der Post werden Wohnungen auch frei vermietet. Es ist ja im Sinne der Genossenschaft, dass die Wohnungen nicht lange leer stehen. Ob der Mieter in die Struktur passt, das ist die Frage, besonders wenn er aus einem ganz anderen Kulturkreis kommt. Bei uns im Block wohnen Italiener, die sind in den sechziger Jahren als Gastarbeiter nach München gekommen, da merkt man nur noch am Namen, dass sie italienischer Herkunft sind. Und die Kinder sprechen bayerisch, ich möchte fast sagen, besser als ich.

Sie waren im Aufsichtsrat. Ist es hier üblich, dass sich jeder einbringt?

Es war mein ureigenstes Interesse. Ich wollte schon immer in den Aufsichtsrat, schon als junger Mann. Das kam so: In dem Hof, in dem ich wohnte, da wohnte einer, der war damals schon im Aufsichtsrat. Das war eine sehr autoritäre Person. Er führte sich derart auf, dass viele dachten, dem gehört hier alles. Er hatte wirklich für kein Anliegen und für nichts Verständnis. Ich dachte mir damals: Wenn du mal die Möglichkeit hast, in den Aufsichtsrat zu kommen, dann machst du das ganz anders. Als der dann aufgehört hatte, habe ich mich beworben. Erst wurde ich abgelehnt, denn ich war noch zu jung, später ist der Aufsichtsrat selbst auf mich zugekommen. Damals war man zugleich auch Hausverwalter für seinen Teil, man hatte also viel mit den Anliegen der Mieter zu tun. Ich habe immer versucht, zwischen den Mietern und dem Vorstand zu vermitteln.

Haben Sie schon mal daran gedacht auszuziehen?

Als meine Frau und ich 1970 eingezogen sind, sollte das nur für den Übergang sein. Wir wollten etwas Eigenes anschaffen. Dann haben wir unsere Leidenschaft fürs Reisen entdeckt und in so einer Gemeinschaft kann man seine Wohnung eben auch mal länger allein lassen. Inzwischen schauen wir uns - ganz allmählich - nach einer Wohnung im Erdgeschoss um, denn wir wohnen im vierten Stock und schließlich werden wir nicht jünger. Allerdings fällt uns der Gedanke, umzuziehen, und sei es nur ein paar hundert Meter weiter in den neuen Arnulfpark, sehr schwer. Dort ist eben alles sehr unpersönlich.