Die Baugenossenschaft des Post- und Telegrafenpersonals und ihr" Architekt der Moderne, Robert Vorhoelzer

Zwei Objekte der Genossenschaft in München stehen für ein Stück Architekturgeschichte der Moderne.
Zum einen die Versuchssiedlung an der Arnulfstraße im Stadtteil Neuhausen, zeitgenössisch bezeichnet als "Bauteil Acht", errichtet 1927 bis 1928.
Zum anderen der 1930 bis 1931 errichtete Baublock Harras ("Bauteil Neun") an der Plinganserstraße im Stadtteil Sendling.
Zehn Häuser mit 95 Wohnungen schließen dort räumlich direkt an das Postamt am Harras an.
Architekt der beiden denkmalgeschützten Anlagen ist Robert Vorhoelzer (13.6.1884, Memmingen, bis 28.10.1954, München).

Eisenbahn, Post und Hochschule

Robert Vorhoelzer, Sohn eines Eisenbahnoberinspektors, studiert Architektur an der Technischen Hochschule München. Die Linie der TH und der in München dominierende Baustil wird in der Zeit der Jahrhundertwende durch an der Hochschule lehrende Architekten wie Gabriel von Seidl geprägt. Sie sind Vertreter des Historismus, ihr Schwerpunkt liegt ganz auf der Kombination traditioneller, ornamentaler Formen. Vorhoelzer wird diese Stil-Tendenz bald mitverändern.

Vorhoelzer schlägt nach seinem Abschluss eine Beamtenlaufbahn ein und macht im bayerischen Landbauamt eine Ausbildung zum Regierungsbaumeister. Ab 1910 wird er an der TH München für zwei Jahre Assistent von Karl Hocheder, Architekt des Müllerschen Volksbads am Gasteig. 1911 beendet Vorhoelzer seine Ausbildung, arbeitet bei der Eisenbahndirektion München, zwei Jahre später wechselt er nach Augsburg. In dieser Zeit wird er mit dem Bau einer Realschule in Straubing beauftragt. Im Ersten Weltkrieg dient er als Freiwilliger in einem bayerischen Pionierbataillon als Nachschuboffizier. 1920 wechselt Vorhoelzer von der Eisenbahn zur Post und wird Oberbaurat in der gerade gegründeten bayerischen Postbauverwaltung in München. Ab 1921 ist die bayrische Post der Reichsregierung direkt unterstellt und richtet eigene Hochbauabteilungen für die einzelnen Oberpostdirektionen ein. Vorhoelzer leitet nun ein landesweit angelegtes Bauprogramm, das viel zur Modernisierung der Infrastruktur bei der Post beiträgt.
Der Architekt gestaltet in diesem Jahrzehnt mehrere Landpostämter (so in Penzberg 1922-23 und in Grünwald 1929-30) "die sich durch knappe, stereometrische Grundformen und schwach geneigte Dächer auszeichnen und die mit der Berücksichtigung regionaler Bautraditionen den Heimatschutzgedanken aufnehmen" (Jan Lubitz). Er zeichnet verantwortlich für die städtischen Postämter in Bad Kissingen (1929-1933) und Augsburg/ Ulmer Straße (1930) sowie für das Postdienstgebäude Schweinfurt (1928-1930). In München baut er die Oberpostdirektion (1922-24), das Paketzustellamt an der Agnesstraße (1925-1926) und die Postämter an der Tegernseer Landstraße (1929-1930), am Harras (1930-1933) sowie am Goetheplatz (1931-1933).
Gerade in München bietet sich Vorhoelzer manchmal die Möglichkeit, ganze Ensembles zu verwirklichen. Dazu gehört die große Versuchssiedlung an der Arnulfstraße. An anderen Standorten kombiniert er Postämter direkt mit Wohneinheiten. "An städtebaulich markanten Stellen schafft Vorhoelzer durch die Gliederung der Postbauten in mehrere Baukörper platzartige Raumsituationen, in denen die Postämter zu neuen Mittelpunkten ihrer Umgebung werden" (Jan Lubitsch). Genau so eine Situation wird mit dem Baublock Harras geschaffen.

Markant an Vorhoelzers Postamtsbauten ist das einheitliche Konzept für die Schalterhallen. Die Räume sind hell, übersichtlich und funktional. Das gesamte Interieur, vom Mobiliar bis zu den verwendeten Typographien, zeigt eine klare, moderne und sachliche Linie. Die Aussage hinter dieser Architektur ist progressiv, eine Absage an wilhelminische Amtsstubenmentalität, Plädoyer für ein Gegenüber von Bürger und Behörde auf Augenhöhe.

1930 folgt Vorhoelzer einem Ruf an die TH München und gibt dafür seine Stellung als Leiter der Hochbauabteilung der Oberpostdirektion auf. Der bei den Studenten beliebte Lehrstuhlleiter etabliert nun, zusammen mit Adolf Abel, an der Münchner Architekturfakultät das moderne Bauen. Vorhoelzer widmet sich dabei gezielt praktischen Fragen, etwa auf dem Feld der Materialkunde und der Raumkonzeption. Politische oder soziale Aspekte sind für ihn kein wesentlicher Gegenstand.

Zerstörung, Wiederaufbau und Ende

Die Fakultät unter German Bestelmeyer war zwar konservativ geprägt, doch hatte Vorhoelzer allen Freiraum zur Verbreitung seiner Ansätze gehabt. Im Oktober 1933 wird dem "Baubolschewisten" Vorhoelzer jedoch von den Nationalsozialisten seine Lehrerlaubnis entzogen. Seiner Tätigkeit als Architekt darf er weiterhin nachgehen, faktisch führt Vorhoelzer in der NS-Zeit jedoch nur die Kirche Maria Königin des Friedens im Münchner Arbeiter-Stadtteil Giesing aus.

Im Jahr des Kriegsbeginns verlässt Vorhoelzer Deutschland in Richtung Türkei. Er geht 1939 an die Akademie der schönen Künste nach Istanbul, in der Funktion des Leiters der Architekturabteilung als Nachfolger von Bruno Taut. Doch 1941 gerät er wieder in die Mühlen der Politik. Er recherchiert aus fachlichem Interesse nach Luftaufnahmen, gerät unter Spionageverdacht und wird nach Deutschland ausgewiesen. Dort zieht man den 58-jährigen 1942 noch zur Wehrmacht ein. Als Hauptmann der Reserve im Luftgaukommando VII entgeht er als technischer Überwacher von Bunkeranlagen zumindest dem Fronteinsatz.

Bald nach der Niederlage Deutschlands wird Vorhoelzer als Professor für Baukunst und Entwerfen wieder an die TH München berufen. Neben seiner Lehrtätigkeit übt er die Aufgabe eines Spezialkommissars für den Wiederaufbau der Hochschule aus. Vorhoelzer macht diesen zur praktischen Übung für seine Studenten. Nach seinem Entwurf wird das Hauptgebäude wieder aufgebaut, "wobei der Bestelmeyer-Bau mit einem neuen Dachaufbau und der offen gezeigten Skelettkonstruktion der Hoffassade wesentliche gestalterische Modifikationen erfährt" (Jan Lubitsch).

Doch Vorhoelzer ist keine Ruhe vergönnt. Die fünf Jahre alten Spionagevorwürfe führen 1947 zu einem Verfahren gegen ihn, in dem seiner Rolle im Nationalsozialismus auf den Grund gegangen werden soll. Er wird für ein halbes Jahr suspendiert, dann rehabilitiert. Dieses Mal übersteht der Architekt den Stress aber nicht unbeschadet. Er zieht sich zurück und wird 1952 emeritiert. Zwei Jahre danach verstirbt Robert Vorhoelzer im Alter von 70 Jahren an den Folgen einer Operation.

Vorhoelzers Linie

Die beiden von Robert Vorhoelzer für die Baugenossenschaft München des Bayrischen Post- und Telegraphenverbandes entworfenen Objekte sind exemplarisch für den Stil des Neuen Bauens. Er entsteht in den Zwanziger Jahren aus der Neuen Sachlichkeit, einer auf Reduzierung und Offenlegung der Konstruktion abzielenden Bautendenz. Verdeckung und Zierrat werden strikt abgelehnt. Für diese Architektengeneration werden vorangegangene Stile wie der romantisierende Historismus und der ornamental-dekorative Jugendstil zu Anti-Schablonen. Die Neue Sachlichkeit grenzt sich klar von parallelen zeitgenössischen Richtungen wie dem Expressionismus mit seinen theatralischen Aspekten ab. Für die Avantgardisten des Neuen Bauens hat Architektur eine große soziale Dimension. Das Verwenden moderner, flexibel kombinierbarer Baumaterialien für einfache, kubische Formen ist keineswegs Selbstzweck für eine "modische" Ästhetik. Ökonomisches Planen und Bauen zielen vielmehr auf einen wirklichen Beitrag zur Lösung brennender sozialer Probleme ab: das Wohnungselend in den Städten, die Entfremdung des Menschen von seiner Umwelt, die Gefahr des politischen Vakuums für die zur "Masse" degradierten Klassen.
Die wohl bekannteste Ausprägung findet die Neue Sachlichkeit in der Kunsthochschule des Bauhaus, die alle Gebiete von Kunst und Design umfasst. Doch tragen auch regionale Tendenzen wesentlich zu einer Erneuerung des Gestaltens bei. Robert Vorhoelzer zählt in der Zeit der Weimarer Republik zu den führenden Vertretern moderner Architektur in München und prägt das Bauen der Moderne in Bayern entscheidend mit. Kollegen, die unter oder mit ihm arbeiten wie Thomas Wechs, Georg Werner und Walther Schmidt tragen Vorhoelzers architektonische Ideen überregional weiter. "So wird die Postbauschule zu einer wichtigen Keimzelle der modernen Architektur in Bayern und beeinflusst als Modell einer dezidiert traditionellen Moderne auch das Bauschaffen im Dritten Reich, vor allem bei Industrie- und Militärbauten" (Jan Lubitsch). Insbesondere die Bauten für die Post nehmen "eine eigenständige und herausragend moderne Position zwischen lokaler Tradition und Internationalem Stil ein" (Ann Katrin Bäumler).

Beispielhaft: Die Versuchssiedlung in Neuhausen

Der Pragmatiker Robert Vorhoelzer hat bei der Anlage der Wohnkomplexe an der Arnulfstraße (1928) und am Harras (1932) ganz konkrete Ziele vor Augen. Er will den Lebensbereich Wohnen für die Postbediensteten als unkomplizierte, harmonische Einheit gestalten. Dabei setzt er zeitgemäß auf Experimente mit neuen Baustoffen, Formen und Gestaltungsprinzipien. Der rund 2,5 Hektar große Komplex zwischen Arnulf-, Burghausener-, Richel- und Schäringerstraße erhält die Bezeichnung "Versuchssiedlung". Sie wird hier als Beispiel fortschrittlicher Großsiedlungsarchitektur der 1920er Jahre näher vorgestellt.

Vorhoelzer entwift die Anlage zusammen mit dem Architekten Walther Schmidt. Es geht hier insbesondere um das Erproben kostengünstiger Bau- und Betriebsverfahren. So werden etwa drei gleich konstruierte Häuser mit unterschiedlichen Heizsystemen ausgestattet, um verlässliche Vergleichswerte zu ermitteln. Unter der Prämisse des ökonomischen Bauens werden ferner rund 200 Baumaterialien in der Praxis getestet. Norm für das "Normalhaus" der Siedlung ist "Ziegelbau in Reichsformatsteinen" (Baubericht).

Grundriss und Architektur sind an klaren geometrischen Grundmustern ausgerichtet. Vierstöckige Blockzeilen aus insgesamt 48 Häusern mit 326 Wohnungen von 57 bis 75 Quadratmetern umschließen in quadratischer Ordnung einen sehr großen, schlicht und geradlinig begrünten Innenhof. Betritt man die nach außen geschlossen wirkende Anlage durch eine niedrige Durchfahrt, eröffnet sich ein Eindruck von Weite und Ruhe.

Die Ausstattung der Wohnungen in der Versuchssiedlung zeigt eine markante Besonderheit der Neuen Sachlichkeit im Siedlungsbau: Die Einrichtung der Küche ist planmäßig integriert und nach aktuellen Erkenntnissen für rationales Arbeiten eingerichtet. Es soll eine maximale Ausnutzung des Raumes bei optimalen Nutzungsbedingungen erreicht werden. Vorhoelzer entwickelt - auch in Anlehnung an die 1926 von der Wiener Architektin Margarete Schütte-Lihotzky gestaltete "Frankfurter Küche" - eine exakt auf die damaligen Bedürfnisse der Hausfrau abgestimmte "Münchner Küche". Dafür arbeitet er mit Erna Meyer und Hanna Löv zusammen. Erna Meyer promovierte 1913 in Berlin im Fach Nationalökonomie. Ein Jahr vor der Zusammenarbeit mit Vorhoelzer, 1927, hatte sie für die Werkbundausstellung "Die Wohnung" in Stuttgart die sogenannte "Stuttgarter Küche" mit entworfen. Die Diplom-Ingenieurin Hanna Löv hat (vermutlich als erste Frau in Bayern) den Posten des Regierungsbaumeisters bei der Oberpostdirektion München inne und beschäftigt sich erfolgreich mit Entwürfen für Großsiedlungsanlagen.

Die Münchner Küche ist eine Weiterentwicklung der traditionellen Wohnküche. Wohn- und Arbeitsbereich werden durch eine mit Sprossen unterteilte Glaswand getrennt, die seitlich einen türhohen Durchlass hat. Die Vorteile: Die Hausfrau kann in Ruhe kochen, während die Mutter den Nachwuchs im Blick hat. Dabei bleibt die Wohnung vergleichsweise geschützt vor Essensgerüchen (was wohl wiederum der Ehefrau entgegenkommt). Die Stauräume sind sehr praktisch integriert: In die Wand eingelassen ist ein Vorratsschrank, dessen unterer Teil in seiner Funktion als Schuhschrank vom Gang aus zu öffnen ist. Die ebenfalls in die Grundkonstruktion eingebundene Besenkammer ist exakt so bemessen, dass alle zeitgenössisch in Gebrauch befindlichen Putzutensilien, einschließlich Schürze, darin Platz haben.

Der Küche vorgebaut ist eine offene, etwa anderthalb Meter tiefe Loggia. Außerdem gibt es in den hellen, mit "lichtgetönter Kalkfarbe" (Baubericht) gestrichenen Wohnungen ein Wohnzimmer - oft mit einem kleinen Erker -, ein Schlaf- und ein Kinderzimmer sowie ein Bad. Die Raumabmessungen konnten hier nach einer Überarbeitung der Pläne sogar noch reduziert werden. Das Ergebnis:
"(Die) Benutzung des Bades hat nur Vorzüge ergeben und dank des dort installierten Waschbeckens mit fließendem Wasser ist fast ausnahmslos die Körpereinigung in das Badezimmer verlegt worden" (Baubericht).

Ergänzend zu der durchdachten Architektur werden soziale Aspekte in die Planung mit einbezogen. Ein Kindergarten entlastet die Mütter der Siedlung. Fester Bestandteil der beeindruckenden Innenhofanlage ist ein Spielplatz - sowohl ihn als auch den Kindergarten gibt es noch heute. Für die Infrastruktur sorgen eine Ladenzeile und eine Gaststätte an der Hauptstraßenfront zur Arnulfstrasse. Die Schilder der Gewerbe und ihre Beschriftungen sind einheitlich und passend zum Gesamteindruck gehalten.

Vorhoelzers Entwürfe zeichnet ein besonderes Einfühlungsvermögen aus: Moderne ohne Dogmatik, mit dem Menschen im Mittelpunkt - seine Architektur beweist heute noch, dass Ästhetik und praktischer Anspruch eine Symbiose bilden können. Bezogen auf die Objekte Versuchssiedlung und Baublock Harras wird das zeitgenössisch so formuliert: "Alles in allem kann auch hier wie bei der vorerwähnten Versuchssiedlung kein Zweifel darüber bestehen, dass nicht leicht anderswo in glücklicherer Weise die Forderungen derzeit an die Lösung der modernen Wohnbau- und Siedlungsfrage Beachtung fanden". Das steht im Bericht anlässlich des 25-jährigen Bestehens der Baugenossenschaft 1933. Sein Broschur-Einband zeigt eine grafische Abbildung der Straßenfront der Versuchssiedlung, ausgeführt von Richard Bader. Das Motiv wurde als leitendes Gestaltungselement für diese Homepage übernommen.

Andrea Schilz für die Baugenossenschaft des Post- und Telegrafenpersonals in München und Oberbayern eG

Quellen

Reichsforschungsgesellschaft für Wirtschaftlichkeit im Bau- und Wohnungswesen E.V.: Bericht über die Versuchssiedlung in München (Sonderheft Nr. 5, Gruppe IV, Nr. 2). München 1929 Ι Baugenossenschaft des Bayr. Post- und Telegrafen-Personals in München eGmbH (Hg.): (Hg.) 25 Jahre. München 1933

Literatur

Etscheidt, Georg/ Schönfeldt, Kerstin: Eine Küche zum Verlieben. Ι Münchner Mietshäuser: Die Post-Versuchssiedlung ist ein verkanntes Schmuckstück der Moderne, in: Süddeutsche Zeitung Nr. 60/ 12.03.04, S. V2/ 24 Ι Katharina Jung: Wie eine Bauhaussiedlung in München überlebt, (14. Oktober 2005), in: Journal Digital: Das Online-Magazin der Journalistenakademie Dr. Hooffacker & Partner, (04.12.2006)
Ι Jan Lubitz: architekten-portrait, (11.03.2007), Robert Vorhoelzer, (September 2004) Ι Ulrich Bücholdt M.A.: Frauen in der Architektur. Architektinnen, Innenarchitektinnen und Kunstgewerblerinnen vor 1945 (Datensammlung), (3.07. 2007) Ι Wolfram Lübbeke: Neues Bauen, in: Historisches Lexikon Bayerns, (20.06.2007) Ι Ann Katrin Bäumler: Kunst (Weimarer Republik), in: Historisches Lexikon Bayerns, (18.07.2007) Ι Wikipedia, Anonym: Neues Bauen Ι Ebd.: Neue Sachlichkeit